Bei einem IT-Stammtisch haben wir kürzlich über Zielorientierung und Zielerreichung diskutiert. Dabei stand die These im Raum, dass Themen manchmal nicht vorankommen oder Ziele nicht wie geplant erreicht werden, weil der Blick zu stark auf die Menschen gerichtet ist und das eigentliche Ziel dabei aus dem Fokus gerät. Dabei lohnt sich ein genauerer Blick darauf, was unser Verhalten eigentlich steuert und welche Rolle unsere eigenen Muster dabei spielen. Denn Menschenorientierung und Zielorientierung müssen sich keineswegs ausschließen.
Wer Menschen mitnimmt, unterschiedliche Perspektiven einbezieht oder die Bedürfnisse von Kunden, Projektbeteiligten oder Mitarbeitenden versteht, schafft damit oft eine wichtige Voraussetzung dafür, Ziele überhaupt zu erreichen. Gerade in Veränderungsprozessen kann dieser Blick entscheidend dafür sein, ob Veränderungen angenommen und tatsächlich umgesetzt werden.
Kritisch wird es erst dann, wenn der Blick auf die Menschen dazu führt, dass Entscheidungen nicht mehr im Sinne des eigentlichen Ziels getroffen werden. Eine mögliche Erklärung dafür liegt in unseren Verhaltensmustern.
Wenn gute Eigenschaften zum Stolperstein werden
Wir alle haben Verhaltensmuster, die uns im Alltag unterstützen. Unter Druck greifen wir häufig auf diese Muster zurück. Eines davon beschreibt der Stressantreiber „Mach es allen recht.“
Dieser Antreiber erfüllt eine wichtige Funktion. Menschen mit dieser Tendenz beziehen andere ein, hören zu, achten auf Bedürfnisse und schaffen häufig ein gutes Miteinander. Gerade in Führungsrollen, im Projektmanagement oder im Change Management ist das eine große Stärke.
Ist dieser Antreiber jedoch zu stark ausgeprägt, läuft man unter Druck eher Gefahr, die Bedürfnisse anderer über die eigene Rolle oder das eigentliche Ziel zu stellen. Es fällt schwerer, Grenzen zu setzen, Erwartungen zu enttäuschen oder auch einmal auszuhalten, dass das Gegenüber mit einer Entscheidung zunächst nicht zufrieden ist.
 |
| Der Antreiber „Mach es allen recht“ unter Stress. Grafik erstellt mit KI. |
Ein Beispiel aus meiner Praxis
Vor Kurzem durfte ich ein HR-Team begleiten, das sich mitten in einer größeren Transformation befand.
Mit der Einführung eines neuen HR-Tools veränderte sich nicht nur die Arbeitsweise des Teams. Auch die Rolle innerhalb der Organisation entwickelte sich weiter. Aus einem internen Dienstleister sollte ein Sparringspartner für Führungskräfte werden. Im Rahmen unserer Zusammenarbeit reflektierten wir unter anderem die persönlichen Stressantreiber. Mehrere Teammitglieder erkannten bei sich einen stark ausgeprägten „Mach es allen recht“-Antreiber. Damit wurde auch deutlich, worauf sie in ihrer neuen Rolle besonders achten müssen. Denn unter Druck könnte schnell der Impuls entstehen, Führungskräften Aufgaben abzunehmen, weil genau das von ihnen erwartet oder gewünscht wird. Die eigentliche Aufgabe bestand jedoch darin, zu beraten, gemeinsam Lösungen zu entwickeln und Verantwortung dort zu lassen, wo sie von nun an hingehört.
Die Frage war deshalb nicht, wie sie diesen Antreiber loswerden, sondern wie sie bewusster mit ihm umgehen können. Die Bedürfnisse und Erwartungen anderer wahrzunehmen, bleibt schließlich eine wichtige Stärke – gerade in ihrer neuen Rolle als Sparringspartner.
Entscheidend ist, was daraus folgt. Die Erwartungen anderer wahrzunehmen, bedeutet nicht, ihnen automatisch entsprechen zu müssen. Es geht vielmehr darum, bewusst zu entscheiden: Was entspricht meiner Rolle, wo muss ich Grenzen setzen und was dient dem gemeinsamen Ziel?
Das Team erkannte schnell, dass dieses Muster nicht nur einzelne, sondern mehrere Personen betrifft. Gemeinsam überlegten sie, wie sie sich künftig gegenseitig unterstützen können, damit sie auch in herausfordernden Situationen ihrer neuen Rolle treu bleiben und ihr gemeinsames Ziel erreichen.
Selbstführung ist eine betriebswirtschaftliche Notwendigkeit
Für mich ist Selbstführung kein weicher Faktor. Sie ist eine betriebswirtschaftliche Notwendigkeit.
Denn nur wenn Menschen ihre eigenen Muster kennen, können sie bewusst entscheiden, wann diese hilfreich sind und wann sie ihrer Rolle oder ihren Zielen im Weg stehen. Das gilt für Einzelpersonen genauso wie für Teams.
Bewusstheit allein verändert noch nichts. Sie schafft jedoch die Voraussetzung dafür, passende Strategien zu entwickeln und in entscheidenden Momenten anders zu handeln.
Aus meiner Sicht geht es daher nicht darum, ob jemand eher menschen- oder zielorientiert ist. Es geht vielmehr darum, ob wir unsere eigenen Muster gut genug kennen, um auch unter Druck so handeln zu können, wie es unserer Rolle und unseren Zielen entspricht.
Impuls
Vielleicht hast du dich beim Lesen in dem beschriebenen Stressantreiber wiedererkannt. Vielleicht warst du aber auch gedanklich schon bei einem ganz anderen Muster.
Wenn du an dieses Muster denkst: Unterstützt es dich dabei, deine Rolle gut auszufüllen und deine Ziele zu erreichen, oder bringt es dich unter Druck manchmal davon ab? Und wie kannst du gegensteuern, damit dein Muster nicht ungefragt übernimmt und deinem Ziel in die Quere kommt?
Nicht einfach dem ersten Impuls zu folgen, sondern das eigene Handeln bewusst zu steuern, genau das bedeutet für mich Selbstführung.