Stress verstehen – warum dieselbe Situation zwei Menschen unterschiedlich belastet

Wer etwas erfolgreich managen möchte, muss es verstehen. Das gilt auch für Stress.

Stress prägt den Arbeitsalltag vieler Beschäftigter. Laut dem TK-Stressreport 2025 fühlen sich 42 Prozent der Erwerbstätigen durch ihren Beruf häufig abgearbeitet oder verbraucht. Die Zahlen zeigen: Arbeitsbedingter Stress ist längst kein Randthema mehr, sondern eine zentrale Herausforderung für Unternehmen und Beschäftigte.

Doch bevor wir darüber sprechen, wie wir besser mit Stress umgehen können, lohnt sich zunächst ein Blick darauf, wie Stress überhaupt entsteht. Denn eines vorweg: Stress ist nicht per se schlecht.

Was ist Stress?

Stress ist zunächst einmal eine natürliche Reaktion unseres Körpers. Er hilft uns dabei, auf besondere Anforderungen zu reagieren und Herausforderungen zu bewältigen.

In bestimmten Situationen kann Stress sogar hilfreich sein. Er sorgt dafür, dass wir aufmerksam bleiben, Energie mobilisieren und schneller handeln können.

Problematisch wird Stress erst dann, wenn er dauerhaft anhält und Erholung fehlt. Dann kann er sich ganz unterschiedlich bemerkbar machen. Manche Menschen fühlen sich ständig erschöpft oder angespannt, andere schlafen schlechter, sind schneller gereizt oder können sich kaum noch konzentrieren.

Das Ziel sollte deshalb nicht sein, Stress vollständig zu vermeiden. Stress gehört zum Leben dazu und lässt sich gerade im Arbeitsalltag nicht immer verhindern.

Viel hilfreicher ist es, zu verstehen, wodurch Stress überhaupt entsteht. Denn wenn wir wissen, wie Stress entsteht, können wir auch bewusster damit umgehen.

Wie entsteht Stress?

Stress entsteht nicht allein durch eine Situation, sondern durch die persönliche Bewertung dieser Situation und die Einschätzung unserer eigenen Ressourcen.

Lange ging man davon aus, dass bestimmte Situationen automatisch Stress auslösen. Heute wissen wir: Nicht die Situation selbst entscheidet darüber, ob wir Stress empfinden, sondern unsere persönliche Bewertung.

Diese Erkenntnis geht unter anderem auf den Psychologen Richard Lazarus und sein transaktionales Stressmodell zurück.


Grafik zum transaktionalen Stressmodell nach Lazarus mit Reizen, Bewertung einer Situation und verfügbaren Ressourcen als Grundlage für individuelles Stressempfinden.
Transaktionales Stressmodell nach Lazarus (eigene Darstellung nach Lazarus)

Jeden Tag treffen unzählige Reize und Anforderungen auf uns. Die meisten davon nehmen wir kaum bewusst wahr. Bleibt jedoch eine Situation an unserer Aufmerksamkeit hängen, beginnt ein zweistufiger Bewertungsprozess.

Zunächst bewerten wir die Situation selbst: Ist diese Situation für mich überhaupt bedeutsam? Empfinden wir sie als Herausforderung, Bedrohung oder möglichen Verlust, folgt die zweite Bewertung: Habe ich genügend Ressourcen, um damit umzugehen? Zu diesen Ressourcen gehören beispielsweise Zeit, Wissen, Erfahrung, Unterstützung durch andere Menschen oder das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten.

Erst aus dem Zusammenspiel dieser beiden Bewertungen entsteht unser individuelles Stressempfinden.

Warum empfinden Menschen dieselbe Situation unterschiedlich?

Menschen empfinden dieselbe Situation unterschiedlich, weil Stress nicht allein durch ein Ereignis entsteht, sondern durch die persönliche Bewertung dieser Situation. Entscheidend ist, wie wir eine Anforderung einschätzen und ob wir das Gefühl haben, über genügend Ressourcen zu verfügen, um damit umzugehen.

Während die eine Person einen wichtigen Vortrag als spannende Herausforderung erlebt, fühlt sich eine andere davon völlig überfordert. Nicht, weil die Situation unterschiedlich wäre, sondern weil beide Menschen sie unterschiedlich bewerten und ihre eigenen Ressourcen verschieden einschätzen.

Stress ist deshalb immer subjektiv.

Das bedeutet allerdings nicht, dass Stress „nur im Kopf“ entsteht. Belastungen können sehr real sein. Hoher Arbeitsdruck, fehlende Wertschätzung oder dauerhaft zu viele Anforderungen können echte Stressfaktoren sein. Entscheidend ist jedoch, wie gut unsere verfügbaren Ressourcen zu den Anforderungen passen.

Welche Rolle spielen innere Antreiber?

Neben äußeren Anforderungen beeinflussen auch unsere inneren Überzeugungen und Muster, wie viel Stress wir erleben. 

Vielleicht kennst Du das: Eigentlich wäre eine Pause längst notwendig, aber Du machst trotzdem weiter. Oder ein Ergebnis ist eigentlich gut – und trotzdem findest Du sofort die Dinge, die noch besser hätten laufen können.

Hier kommen unsere inneren Antreiber ins Spiel. Sie treiben uns an und helfen uns, Ziele zu erreichen. Unter Stress können sie jedoch auch zusätzlichen Druck erzeugen und uns das Leben schwer machen.

Grafik mit den fünf Stressantreibern Sei perfekt, Sei stark, Mach schnell, Mach es allen recht und Streng dich an.
Die fünf klassischen Stressantreiber nach Kahler

Die fünf Stressantreiber sind:

  • Sei stark.
  • Sei perfekt.
  • Mach es allen recht.
  • Mach schnell.
  • Streng Dich an.

Sie sind nicht grundsätzlich negativ. Jeder Antreiber kann uns auch unterstützen. Entscheidend ist, ob wir ihn bewusst einsetzen – oder ob er uns gerade unbewusst antreibt.

Wie die einzelnen Stressantreiber wirken, wie sie unser Verhalten unter Druck beeinflussen und wie wir bewusster mit ihnen umgehen können, schauen wir uns in einem eigenen Beitrag noch genauer an.

Wie können wir mit Stress umgehen?

Wenn wir Stress erleben, gibt es laut Lazarus grundsätzlich zwei Möglichkeiten, damit umzugehen. Wir können versuchen, die Situation selbst zu verändern – oder unseren Umgang mit der Situation verändern.

Grafik zu problemorientierter und emotionsorientierter Stressbewältigung: Situation verändern oder Umgang mit der Situation verändern.
Formen der Stressbewältigung nach Lazarus (eigene Darstellung)

Bei der problemorientierten Stressbewältigung verändern wir die Situation selbst.

Vielleicht schaffen wir Klarheit, organisieren Aufgaben neu, holen uns Unterstützung oder sprechen einen Konflikt offen an. Gerade im Arbeitskontext ist dieser Ansatz besonders wichtig. Denn nicht jeder Stress lässt sich durch eine veränderte Einstellung lösen. Manchmal liegt die Ursache tatsächlich in den Rahmenbedingungen.

Bei der emotionsorientierten Stressbewältigung verändert sich nicht die Situation, sondern unser Umgang damit.

Ein einfaches Beispiel:
Du hast ein Grillfest geplant und plötzlich beginnt es zu regnen. Natürlich kannst Du Dich darüber ärgern. Schließlich hast Du alles vorbereitet und der Plan war ein anderer.
Du kannst aber auch überlegen, welche Möglichkeiten es jetzt gibt. Vielleicht zieht Ihr nach drinnen um oder verschiebt das Treffen. Vielleicht können dadurch sogar Menschen teilnehmen, die bei einem Termin im Freien keine Zeit gehabt hätten.

Nicht jede Situation können wir beeinflussen. Unsere Haltung dazu dagegen schon.

Wichtig ist jedoch eine gesunde Unterscheidung: Eine neue Perspektive kann helfen, unnötigen Leidensdruck zu reduzieren. Sie ersetzt aber keine Veränderung, wenn Arbeitsbedingungen dauerhaft überfordern.

Wer sich beispielsweise in einem dauerhaft belastenden oder toxischen Arbeitsumfeld befindet, profitiert nicht davon, die Situation einfach positiver zu bewerten. Hier braucht es echte Veränderungen: Grenzen setzen, Strukturen verändern oder gegebenenfalls auch die Umgebung wechseln.

Resilienz bedeutet deshalb nicht, alles auszuhalten. Resilienz bedeutet, langfristig handlungsfähig zu bleiben.

Resilienz: Warum manche Menschen besser mit Stress umgehen können

Resiliente Menschen erleben genauso Stress wie andere Menschen. Der Unterschied liegt nicht darin, dass sie niemals belastende Situationen erleben. Sie verfügen vielmehr über Strategien und Ressourcen, die ihnen helfen, nach schwierigen Phasen wieder Kraft zu schöpfen und handlungsfähig zu bleiben.

Wenn ich an Resilienz denke, habe ich oft das Bild eines Bambus vor Augen. Bei starkem Wind biegt er sich mit. Sobald der Sturm nachlässt, richtet er sich wieder auf.

Genau darum geht es auch bei Resilienz. Es geht nicht darum, niemals unter Druck zu geraten. Es geht darum, nach belastenden Phasen wieder ins Gleichgewicht zurückzufinden. Dabei helfen uns unter anderem Selbstreflexion, soziale Unterstützung, Optimismus und das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Resilienz schützt uns also nicht vor Stress – sie hilft uns, besser mit ihm umzugehen.

Warum das gerade für Führungskräfte wichtig ist

Führungskräfte beeinflussen das Stresserleben ihrer Teams stärker, als vielen bewusst ist.

Sie schaffen Rahmenbedingungen, setzen Prioritäten und prägen durch ihr eigenes Verhalten die Zusammenarbeit im Team. Wer dauerhaft unter Druck steht, ständig erreichbar ist oder keine Grenzen setzt, gibt diesen Stress häufig unbewusst weiter.

Umgekehrt können Führungskräfte, die ihre eigenen Belastungen reflektieren und bewusst mit Stress umgehen, Orientierung und Sicherheit vermitteln – gerade in herausfordernden Zeiten.

Selbstführung ist deshalb eine wichtige Grundlage guter Führung.
Wer die eigenen Stressmuster kennt, trifft klarere Entscheidungen, bleibt auch unter Druck handlungsfähig und schafft ein Arbeitsumfeld, in dem Leistung und Gesundheit kein Widerspruch sein müssen.

Echte Stärke zeigt sich nicht darin, wer am längsten durchhält. Sie zeigt sich darin, wer auch unter Druck bewusst handeln und langfristig wirksam bleiben kann.

Mein Impuls

Stress gehört zum Leben.

Die entscheidende Frage ist deshalb nicht, ob wir Stress erleben, sondern wodurch er entsteht und wie wir damit umgehen.

Vielleicht hilft Dir in einer stressigen Situation künftig eine einfache Frage:

Fehlt mir gerade tatsächlich eine Ressource – oder fühlt es sich im Moment nur so an?

Allein diese Frage verändert häufig schon den Blick auf eine Situation. Und manchmal ist genau das der erste Schritt, um aus dem Stressmodus wieder herauszufinden.


Dieser Artikel ist ein Impuls aus meinem PowerUp-Programm

PowerUp habe ich aus meiner Arbeit mit Führungskräften und Teams entwickelt. Dabei habe ich immer wieder erlebt: Die größten Herausforderungen entstehen selten durch fehlendes Fachwissen. Nachhaltige Veränderung beginnt dort, wo Menschen sich selbst gut führen, auch unter Druck handlungsfähig bleiben und Veränderungen aktiv mitgestalten.

Genau hier setzt PowerUp an. Das Programm stärkt Selbstführung, Resilienz und persönliche Wirksamkeit – als Grundlage für erfolgreiche Zusammenarbeit und nachhaltige Veränderung.

Die Beiträge in dieser Reihe greifen ausgewählte Inhalte aus dem PowerUp auf und laden Dich ein, die Impulse direkt in Deinem Alltag auszuprobieren.

Mehr über das PowerUp-Programm für Selbstführung und Resilienz erfährst Du hier.


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